Schmutziges, heiliges Burlesque

Auch im berliner Nachtleben grassiert die „Jeans und Turnschuh – Krankheit“: Immer schön locker bleiben, ja keinen Zauber oder keine Eleganz aufkommen lassen. Der Philosoph Robert Pfaller sieht darin eine Eigenschaft unserer Zeit: Das schmutzige Heilige wird pseudovernünftig weggeredet. So wie die großen Ideen nur noch mutlos belächelt werden, werden auch die großen Gesten, das ungreifbare Schillernde als peinlich und lächerlich empfunden. Verzagtheit wird dabei aber mit Abgebrühtheit verwechselt. Die einst verwegen schief aufgesetzte Mütze wirkt albern, weil sie keinen vernünftigen Zweck erfüllt, außer dass es eben verwegen aussieht. Aber in Berlin wo schon immer Mutige zusammenkamen und konsequent das Zauberhafte gelebt haben, findet sich ein Heilmittel gegen diese Kranktheit: Die alte Tradition des Burlesque. Einen Tropfen dieser Medizin bekommen wir von der Tänzerin Mopsy Meyers gereicht, die uns in den „Bassy Klub“ begleitet, zur Burlesque-Reihe „Pinky’s Peepshow“.
„Ich habe ehrlich nichts gegen Stripperinnen, aber Burlesque ist etwas ganz anderes.“, meint Mopsy Meyers, während die kleine Frau zwei riesige Taschen ins Bassy schleppt. „Es ist eher so etwas wie…“, sie spitzt den Mund und dreht die Augen nach links oben, „anzügliches Theater. An meinem neuen Kostüm habe ich zwei Wochen lang genäht“. Man mag ihr tatsächlich glauben, dass es nicht nur um nackte Körper geht. Neben dem Kleid sind die Taschen voll mit tausend Dingen: lange Federn, Flaschen mit geheimnisvollen Flüssigkeiten, Pasties – die typischen „Nippelaufsätze“, mehrere Messer. Mopsy Meyers‘ Auftritte sind bekannt für ihre Verbindung aus Erotik und Düsternis. Als würde sie ein Sichtfensterchen öffnen, zu einem Teil des Herzens, der zu Recht pechschwarz abgedeckt ist. Man könnte kulturwissenschaftliche Abhandlungen schreiben, über ihre Auftritte.
Der Ansager des Abends ist „Scotty the Blue Bunny“: Ein aufgekratzer Herr im hautengen, blauen Kaninchenkostüm. Das Kostüm glitzert wie sein berauschter Enthusiasmus, mit dem er dem glamourophilen Publikum erzählt: Darüber, dass Burlesque früher in Berlin ganz groß war, und nun wieder groß wird. Über die wilde Freiheit einer sprudelnden Kunstszene, und darüber, dass Berlin das europäische San Francisco sei, aus dem er stamme. Denn hier schlafe jeder mit jedem.
Einige Männer aus dem gemischtgeschlechtlichen Publikum bekommen rote Wangen, als endlich „Golden Treasure“ auf der Bühne beginnt, ihre satten Kurven zu wiegen. Selten, dass man quasi politisch korrekt voyeuristische Lust am weiblichen Körper haben kann. Golden Treasure lässt eine selbstgemachte, schwarze Mamba auf den Armen tänzeln. Schambereich und Brustwarzen bleiben dabei bedeckt, eine feste Regel des Burlesque. Sie lächelt selbstberauscht, während sie den „Twirl“ ansetzt: Die auf den Brüsten aufgesetzten Quasten werden ins Schleudern gebrachte, und drehen sich wie gegenläufige Propeller. Ein kunstvoller Vorgang, der von Männern wie von Frauen mit Johlen honoriert wird. „Golden Treasure“ ist ein Beispiel dafür, warum Burlesque von modernen Feministinnen oft als progressiv angesehen wird. Keine „perfekten“ Körper werden dargestellt, sondern „echte“. Solche Kurven, wie sie „Golden Treasure“ mit ihrer Mamba zeigt, schafft kein Model zu zeigen.
Man möchte meinen, in Zeiten der Dauersexualisierung wäre das klassische Thema der verführerischen Unschuld antiquiert. Nicht aber bei der zutiefst blonden Julietta La Doll. Ein ideales Beispiel für die schmutzige Heilige: Sie tanzt wenig.Sie blickt tiefe Blicke, reizt mit ihren Reizen, und verhüllt diese dann wieder. Ihr Flirt mit dem Publikum ist irritierend intensiv. Alswürde man den intim-ekstatischen Moment eines Flirts miterleben. Mit weißer Spitze und goldenem Glitzer auf weicher Haut ist sie wie Schokolade für das Auge. Gleichzeitig ist sie unantastbar, gefährlich und doch anbetbar.
Mopsy Meyers, die vom Blue Bunny mit großen Gesten und grenzwertig-anzüglichen Bemerkungen angesagt wird, macht es geschickt. Man muss die Augen zusammenkneifen und den Hals recken, um die Gestalt im Dunkel überhaupt zu erkennen. Das erzeugt einige Sekunden theatralischer Stille. Es scheint als würde ein roter Geist auf der Bühne unwirklich schimmern. Dann tritt die Erscheinung vor. Sie trägt ein blutrotes Hochzeitskleid, mit hochhängendem Schleier. Ganz langsam beginnt ihr Geistertanz. Das Bild auf der Bühne bleibt still und langsam, wie ein Traum. Und plötzlich schnellt die Hand nach Oben: Die Musik wird lustig, ein Regen aus Glitzer umflirrt die rote Gestalt. Der Tanz wird lustig. Das Entkleiden beginnt, mit einem lasziv vorgestreckten Bein in schwarz-weißen Strümpfen und entzückenden, lack-glänzenden Highheels. Für einen Moment sieht man sie unter dem Schleier grinsen. Sie entpuppt sich als Beetlejuice, der Geist, der die Menschen austreibt. Das weiß man allerdings nur, wenn sie es einem vorher erzählt hat. Sie spuckt schwarzes Gift, zeigt ihre weiße Haut, präsentiert ihre Kurven. Letztendlich steht sie in schwarzweißer Spitze da – mit einem funkelnden Zylinder und einer feuerspeienden Zigarre – und nimmt den rauschenden Applaus ernst in sich auf. Ein echter Meyers: Wollte man einen progressiven, neo-archaischen Kult gründen, man müsste sie zur ersten Göttin wählen.
Umgezogen und selig lächelnd werden unsere schmutzigen Heiligen beim anschließenden Konzert zum tanzenden Publikum. Auch der Rest des Publikums hat sich herausgeputzt. Jeans und ironische T-Shirts sieht man hier kaum. Mopsy Meyers, die noch etwas schwarze Schminke am Mund hat, meint, das sei hier so. Es sei eine Eigendynamik. Ein Zauberritual. Das Feuer des Burlesque brennt da, wo unsere Gesellschaft eingefroren ist. Und es brennt hell. Gerade haben die Tänzerinnen Erochica Bamboo, Marlene von Steenvag und Viola Vixen die erste, ernstzunehmende Burlesqueschule Deutschlands eröffnet. Sie ist gut, wie die knutschenden Freundinnen Julietta und Mopsy bestätigen. Eine Filmdoku ist in Planung. Es gibt zwei Burlesque-Reihen und viele Einzelauftritte. Das Bild stammt aus dem Foto-Buch „Burlesque in Berlin“ von Paul Green, einem Enthusiasten aus Australien.

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