Kondensstreifen des Todes

(Das Stück wurde ursprünglich für die Vice geschrieben. Die dazugehörigen Fotos fehlen vorerst)

Die „Kondensstreifen“, die von Flugzeugen in der Luft hinterlassen werden, sind absichtlich angereichert mit hochgefährlichen Chemikalien. Das behaupten zumindest einige Leute, die am Samstag in Berlin eine Kundgebung abgehalten haben. Über die Gründe sind sie sich uneins. Manche sprechen von militärischen Zwecken, andere von Geoengineering, wieder andere von Bevölkerungsreduktion. Das Umweltbundesamt nennt diese Vorwürfe „reine Fiktion“. Auch von „Verschwörungstheorien“ wird gesprochen. Aber das kenne ich schon aus „Akte X“: Die Regierungsleute sind entweder unglaublich ignorant, oder sie stecken mit den Bösen unter einer Decke. Da ich weder ignorant noch böse sein möchte, bin ich hingegangen und habe die Leute selbst befragt. Es war so kalt, dass ich Kopfschmerzen davon bekam. Ungefähr 60 Leute waren auf der Kundgebung. Davon schien aber ein Drittel entweder Journalisten zu sein, oder welche, die sich nur über die Veranstaltung lustig machten. Auch Linke waren da, die meinen, die „Chemtrailies“ seien durchsetzt mit Nazis und Antisemiten. Wie Nazis oder böse Judenhasser schienen die Aktivisten aber zuerst gar nicht. Im Gegenteil, sie waren sehr freundlich.
Beispielsweise Daniel. Er ist 27 und Hundetrainer. Er erzählte, er sei viel draußen, und ihm ist aufgefallen, „dass die Kondensstreifen am Himmel komisch sind. Die bilden dann karoförmige Linien, und sie verwehen nicht, sondern verdichten sich und bilden Fallout, voll mit Aluminiumpartikeln.“ Das vergifte dann die Gemüse- und Getreidefelder, setze sich dann als Gift in der Ernährung fest. Wer die Wahrheit herausfinden will, müsse nur Luftproben entnehmen. Aber das werde von höherer Stelle verhindert. „Uns wird immer nur vorgeworfen, Verschwörungstheorien zu produzieren, aber warum wird uns dann nicht bewiesen, dass unsere Vorwürfe nicht stimmen?“. Ich überlegte, ob ich behaupten soll, dass ein unsichtbarer Kobold auf meiner Schulter sitzt, um daraufhin von ihm den Gegenbeweis zu fordern, aber ich ließ es und sagte nichts. Daniel meinte dann auch, dass er gar nicht so sehr viel darüber wüsste, und verwies mich an andere.
So kam ich zu Elisabeth, die mehr zu wissen schien. Seit zwei Jahren seien ihr diese Vorgänge bekannt. „Ich möchte, dass wir diesen wunderbaren Planeten retten. Wir Menschen brauchen eine Therapie. Wir werden von kranken Menschen weltweit regiert!“, sagte sie leise, und schenkte mir heißen Tee ein. Diese kranken Menschen hätten die Macht des Geldes und darum die Oberhand. Mit ihrer Gier setzten sie die ganze Zukunft der Menschheit aufs Spiel. Nach Elisabeths Recherchen zieht sich das schon seit Jahrhunderten hin. „Das erste Ziel der Chemtrails ist es, die Bevölkerung auf 500 Millionen zu reduzieren, das steht so auf den Georgia Guide Stones“ (eine Art amerikanischen „Stonehenge“). Auf meine Frage, wer wohl dahinter stehe, meint sie, es seien Jesuitenverbände. Viele würden auch sagen, es wären die Rothschilds, aber das könne man so nicht immer sagen. Außerdem erzählt sie, dass bei ihrer heutigen Internetrecherche herausgefunden habe, dass „auch die Zwerge – Zwerge, wie bei Der Herr der Ringe – eine große Rolle spielen.“ Mit deren Gold sei auch Venedig so reich geworden, das stehe auch in dem Blog, in dem sie das gelesen habe. „Das ist wirklich verblüffend, dass es diese Zwerge wahrscheinlich wirklich gibt. Die sind immer hinter Schätzen her!“, meint sie. Gott sei Dank gebe es ja jetzt die Polverschiebung und die Menschen könnten endlich ein neues Bewusstsein erlangen.
Nebenher hört ich mit halbem Ohr dem ersten Redebeitrag zu, wo aber nichts gesagt wurde, was
nicht auf der Anti-Chemtrail Website steht. Ermutigt durch die Freundlichkeit meiner bisherigen Interviewpartner fragte ich darum mehr Leute, ob sie mir etwas erzählen wollen. Aber immer wieder wurde ich weitergewunken. „Ich weiß doch gar nicht so viel. Darum bin ich doch hier, um mehr über diese schrecklichen Dinge herauszufinden“, hieß es in fast den gleichen Worten immer wieder. Eine kleinere Frau mit ihrer 16-jährigen Tochter verwies mich an ihren Mann, „der weiß ganz viel darüber“. Dieser war ein großer Kerl in schwarzer Kleidung und mit abweisendem Gesichtsausdruck. Neben ihm standen zwei andere große, düstere Männer, ebenfalls in Schwarz gekleidet. Die schauten mich an, als würden sie mich schon lange kennen, und wissen, dass von mir nichts Gutes zu erwarten wäre. Sie schickten mich mit knappen Worten weg. Verfroren stand ich dann herum und wartete auf das Ende der Veranstaltung, als mich jemand mit „Sankt Pauli“ – Mütze von hinten antippte, und auf einen rotgesichtigen, kleinen Mann zeigte, der sich gerade das Mikrofon genommen hatte und etwas umständlich daran herumdrehte. „Du bist doch Presse, oder?“ meinte der Sanktpaulianer, „dit is Claus Petersen, strammer Nazi, kannste später recherchieren!“.
Claus Petersen schimpfte. Er schimpfte über die Regierung und über diese Leute, die „dieses Zeug“ in die Luft sprühten – „dieses Zeug“ brüllte er richtiggehend – das dürfe man sich nicht gefallen lassen. Zwischendurch sagte ihm jemand, er solle doch bitte das Mikro etwas weiter vom Mund weghalten, wegen der Störgeräusche. Aber Petersen schnauzte nur, „Nein! Das muss gesagt werden und es muss laut gesagt werden!“, was bei einigen Umstehenden für Erheiterung sorgte.
Als ich mir sein Geschnauze nicht weiter anhören konnte, sprach ich eine Gruppe an, von der ich das Gefühl hatte, dass sie Linke waren, und gegen die Veranstaltung. Meine Vermutung bestätigte sich und ich bekam ein kurzes Interview mit Jan.
Jan ist zu dieser Kundgebung gekommen, „denn Realsatire ist die beste Satire“. Er verfolge die Verschwörungstheoretikerszene schon lange, und die Chemtrailtheorie sei derzeit wohl die populärste unter ihnen. Allerdings wechsele das mitunter: „Denn, wer bereit ist, an den einen Scheiß zu glauben, ist auch gerne bereit an den nächsten zu glauben“. Hier seien Leute, „die haben keine Ahnung von Wissenschaft und meinen doch mitreden zu müssen.“ Und sobald Kondensstreifen lange am Himmel seien, müssten da selbstverständlich die Illuminaten, die Reptiloiden oder die Rothschilds dahinter stecken. Dann lachte Jan hart, und meinte: „Na, wenn man sie wirklich fragt, am Ende sinds doch immer die Juden.
Ich nahm mir vor, das zu beherzigen. Nun ging ich daran, den Hauptredner der Veranstaltung zu sprechen: Harald Kautz-Vella, ein etwas verloren aussehender Mann mit sanftem Blick, der aber gerade von einer Traube von Menschen bestürmt und befragt wurde. Als ich dann mit unkontrollierbar klappernden Zähnen endlich an ihn herankam, war dieser sehr gesprächsbereit und lud mich auf einen Kaffee ein (den ich dann doch selbst bezahlte, nur für den Fall, dass ich ihn später noch in die Pfanne hauen müsste – ein bisschen Journalistenehre muss schon sein!).
Harald Kautz-Vella ist „Technologie-Scout“ und schien mir wie ein Guru für diese Leute. Die ersten zehn Minuten des Interviews erklärte er noch einmal, dass Chemikalien den Abgasen der Düsenflieger beigemischt würden. Teil dieser Erklärung waren ein endloser Strom von technischen Fremdwörtern. Ich bekam vom Unverständnis glasige Augen, und so schien es seinen Getreuen, die mit uns um den Tisch saßen, wohl auch zu gehen. Ein erster menschlicher Reflex auf unverständliche Fremdwortströme ist generell die Erstarrung in Ehrfurcht. Und so liegt die Vermutung nahe, dass sie auch mit Kalkül angebracht werden. Die meisten Wissenschaftler, die die Chemtrailthesen geprüft haben, scheinen aber seine Ausführungen für Humbug zu halten. Allerdings – man denke an Akte X – vielleicht sind ja da auch auch Ignoranz oder die dunklen Herren schuld. Irgendwann gingen ihm aber glücklicherweise die Fachbegriffe aus und er erzählte davon, dass es bis jetzt nur wenige Aktivisten gebe, aber dass sehr viele sehr bereit seien, seinen Erklärungen zu glauben. Einem Viertel der Leute sei auch aufgefallen, dass der Himmel sich „massiv verändert“ habe. Auch, dass nichts mehr wachse, würden viele „bodenständige und anständige Leute vom Land“ erzählen. Das sei ein Grund für die Chemtrails: Es gebe ein Geheimdokument der UN – deren Gründung durch Rockefeller finanziert worden sei – woraus klar daraus hervorginge, dass zwei Milliarden Tote durch Ernteausfälle geplant seien. Ähnliches ließe sich in der „Agenda 21“ (ein umweltpolitisches Aktionsprogramm der UN) herauslesen. Deren Argumente zum Klimaschutz bezeichnete er als Klimalüge. Es gehe darum, auf CO2 Steuern erheben zu können und sich daran zu bereichern. Mir war nun nicht mehr klar, wie das mit den Chemtrails als Unterdrücker des Treibhauseffektes zusammenpasste. Aber Kautz-Vella war nun in Fahrt: Auch der „Club of Rome“ (eine Organisation, die sich zu Umweltfragen engagiert) würde da mitmischen. Die – man sehe das ganz klar an bestimmten Geheimdokumenten – wollten den Planeten zugunsten der Umwelt entvölkern. Es sei aber billige Polemik, ihn als Verschwörungstheoretiker zu bezeichnen. Hinter dieser Polemik steckten der CIA und die amerikanische Regierung. Diese wären auch daran interessiert, die Chemtrails für ihre militärischen Zwecke zu nutzen. Der Plan sei es, die Menschen so mit Chemikalien vollzustopfen, dass man sie auf Knopfdruck explodieren lassen könne. „In Amerika gab es schon Vögel, die zu nahe an Stromleitungen gekommen sind, und das Feuer, das bei dieser Explosion entstanden ist, das konnten zehn Feuerwehrleute nicht löschen!“ Auch Bewusstseinskontrolle sei in Planung. Ich dachte an Jans Prophezeiung, und fragte weiter nach den Personen, die hinter all dem steckten. Bis jetzt hatte er das vermieden.
Zehn Familien seien das, die den allergrößten Teil des weltweit gehandelten Kapitals besäßen. Er habe einmal eine Liste der größten Konten der Welt in der Hand gehabt. Diese hätten 17 Nullen gehabt, das seien Quadrilliarden (diese Zahl kannte ich bisher nur von Dagobert Duck). Diese „Internationale“ wolle den „New World Order“ einführen, mit einer weltweiten Regierung, absoluter Kontrolle und einer Steuer auf CO2. Hier drohten bei mir die Spaßlichter auszugehen, weil das in diesem Zusammenhang ganz klar Nazivokabular ist und war. Ich dränge auf Namen. „Da fallen mir spontan die Namen Rockefeller und Rothschild ein.“, meint Kautz-Vella fast widerstrebend. Das sei nun mal so.
„Am Ende sind es immer die Juden!“, hatte Jan gesagt, und damit Recht behalten. Warum? Vielleicht, weil die Erklärungskonzeption der Verschwörungstheoretiker, selbst wenn nicht die Namen Rockefeller und Rothschild auftauchen, der des Antisemitismus gleicht: Eine kleine, internationale und unglaublich reiche, krankhafte und unglaublich Clique hat die Welt fest in ihren Krallen und saugt das gute, ehrliche, viel zu gutgläubige Volk aus. Auf eine Weise ist das genau so gefährlich wie „richtiger“ Antisemitismus, weil man selbst in mehreren Lernschritten lernt, dass es eben doch die Juden waren, anstatt dass es einem vorgesetzt wird. Und nun? Auch wenn ich das Ganze für gefährlich und unglaubwürdig halte (naja, und doch immer noch ein bisschen lustig!), von nun an werde ich die Kondensstreifen am Himmel mit anderen Augen sehen.


1 Antwort auf „Kondensstreifen des Todes“


  1. 1 Gert Ewen Ungar 01. Februar 2014 um 16:28 Uhr

    scheint ja eine sehr unterhaltsame Veranstaltung gewesen zu sein. :-) Respekt vor deiner Geduld.

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