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Umzug

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Anleitung zur sexuellen Unterwerfung

-> Lektion 1: Freiwilligkeit. Warum paradoxerweise Freiwilligkeit und Vertrauen das Fundament des Spiels mit sexueller Unterwerfung sind.

Neulich plante ein berühmt-berüchtigter „Pick-up Artist“, nach Berlin zu kommen, um Männern Techniken beizubringen, mit denen sie Frauen willig machen könnten. „The Claw“, heißt eine dieser Techniken, bei der das jeweilige „Objekt“ mit dem Arm umschlungen, an den Mann herangezogen und erst wieder losgelassen wird, wenn sie sich nicht mehr wehrt.
So zu handeln ist aus drei Gründen falsch: Zum einen ist es verachtenswert. Zum anderen riskiert der jeweilige Mann schwer verletzt zu werden, denn die (legitime) Reaktion der jeweiligen Frau kann sein, aggressiv Schwachstellen wie Augen, Hoden oder Finger anzugreifen und zu verletzen.
Der dritte und zentrale Denkfehler ist die Vorstellung, dass es der Herzenswunsch aller Frauen sei, unterworfen zu werden (1). „Die wollen’s doch!“ meint so mancher Mann und verweist zugleich fasziniert wie beunruhigt (2) auf die Erfahrung, dass einige Frauen (3) beim Sex gerne „benutzt“ werden. Manche wollen sogar gewürgt oder geschlagen werden. In der Dunkelheit der Begierden zeige sich dann die angebliche „Wahrheit“, dass Frauen beherrscht werden wollen.
Genauso wie der Erfolg dieser sogenannten Pick-up-Artists ein aufgeblasener Mythos ist (4), so haben diese Männer ihre Erfahrung meist immer nur einmal mit einer Frau gemacht, weil sie etwas Zentrales nicht verstehen wollen: Es geht beim Spiel mit sexueller Unterwerfung nicht um Unterwerfung, sondern, so wie ein Witz das Gegenteil dessen meint was er sagt, um Freiwilligkeit und Vertrauen.
Das lässt sich an einer Szene aus der Serie „Shameless“ veranschaulichen. Es kommt zu recht rauhem Sex. Beide werfen sich förmlich durch die Eingangstür, er rammt sie gegen die Wand, hält mit einer Hand ihren Arm, mit der anderen ihren Hals umklammert. Sie küssen sich hart. Dann wirft er sie auf eine Matratze. Er drängt zwischen ihre Beine. Bis jetzt ist den Zuschauern klar, dass es sich um Sex handelt, und nicht um Gewalt. Plötzlich wird es der Frau zu heftig. Sie sagt ihm, immer noch vertrauend, dass er einen Gang zurückschalten soll. Das tut er nicht. Und genau im nächsten Moment passiert etwas. Sie sagt mehrmals „Nein“, wird immer lauter, das erscheinende Grauen zeigt sich in ihrer Stimme. Er hört nicht auf. Sie verliert die Kontrolle über die Situation. Das Lustspiel wird zum Albtraum. Sie beginnt sich zu wehren, zuerst ohne ihn abschütteln zu können.
Letztendlich schafft sie es doch, ihn loszuwerden. Aber das Zentrale steckt in diesem Übergang: Der Übergang von Lust zu Entsetzen. Wichtig ist dabei nicht, ob die Szene realistisch ist oder nicht, sondern dass wir als die Zuschauer ganz genau wissen, was passiert: Der Beginn ist ein Spiel. Ein Spiel mit Dominanz, das aber nur funktioniert, solange Vertrauen und Freiwilligkeit die Grundlage sind. Genau in dem Moment, wo sich das ändert, verwandelt sich das Wesen des Ganzen, und es wird zum Gewaltakt. Eine „Vergewaltigung“ ist ihrem Wesen nach das Gegenteil eines Lustspiels. Vergewaltigung heißt, dass jemand mit Hilfe seelischer und/oder körperlicher Gewalt in das Ich des anderen eindringt. Das zerstört das Grundvertrauen und scheißt Dir möglicherweise für immer in deine Seele. Wer vom sexualisierten „Eindringling“ fantasiert, oder von jemandem der herunterdrückt und ohrfeigt und nimmt was er will, fantasiert dabei von Hingabe und nicht von Gewalt. Man tut zwar so, als ob der Wille gebrochen wird. Aber er wird nicht wirklich gebrochen. Das ist der zentrale Punkt: Der Wille des Gegenübers ist und bleibt heilig. Das wird durch diese Grenzverschiebung hervorgehoben und kontrastiert.
Selbstverständlich ist das Herz dunkel, und wir sind ambivalent gegenüber Macht und Gewalt. Manchmal lieben wir, was wir hassen sollten. Manchmal begehren wir, was wir gleichzeitig abstoßend finden. Im dunklen Spiel verdichtet sich die innere Zwietracht. Aber richtig gemacht löst sie sich in Lust und Vertrauen auf. Dass es ein Spiel, eine Fantasie ist, ist dabei das wesentliche Unterscheidungsmerkmal. Es reicht ein einziges (ernstgemeintes) Wort, und die Sache ist vorbei. Und wenn dieses eherne Gesetz nicht eingehalten wird, wandelt sich der geile Sex mit einem Schlag in sein Gegenteil. Hier wird der Unterschied deutlich: Das Lustspiel, in das Zwang und Schmerz eingebaut ist, ist ein Vertrauensspiel. Man ist sich ungeheuer nahe. Wir passen aufeinander auf. Wirklich pervers ist, wenn das nicht geschieht. Es ist ungeheuer intensiv, sich hinzugeben. Wenn ich gewürgt werde, könnte mich das Gegenüber auslöschen. Aber er oder sie tut es nicht. Im Gegenteil: Ich lege mein Leben in die starken Hände des Gegenübers. Und das funktioniert. Ich fühle mich dadurch besonders sicher und aufgehoben. Beide Seiten fühlen sich dadurch stark und sicher und geil. Wenn ich spiele, dass mein Wille gebrochen wird, spüre ich den Willen, also das Ich des anderen körperlich nahe. Die Person, die mich unterwirft, berauscht sich an diesem Vertrauen. Sie zeigt ihre Begierde und zur selben Zeit ihre Schwäche und Stärke nackt. Sie zeigt sich nackt.
Die Freiwilligkeit markiert ganz präzise die Grenze dieses Übergangs von Lust zu Entsetzen, den wir klar und zweifelsfrei erkennen können. Die Lustspiele mit der Unterwerfung erzeugen ein Bad im Vertrauen und werden befeuert durch die Freiwilligkeit, und eben gerade nicht durch den tiefliegenden Wunsch (5), unterworfen zu werden.

1: Oft wird diese Argumentation pseudowissenschaftlich mit der Evolutionspsychologie „belegt“. Diese haben aber, wenn sie nicht weiter mit Belegen unterfüttert werden, keinen Erklärungsgehalt, denn sie lassen sich so und so auslegen: Man behauptet etwas und überlegt sich im Nachhinein irgendwelche Umstände, die diese Behauptung erklären.
2: Beunruhigend ist das, weil damit alles was für uns Liebe und Freiheit ist, negiert wird, und weil dann jederzeit ein Alpha daherkommen könnte, um sich die „eigene“ Frau zu nehmen.
3: Man muss dabei hervorheben, dass viele Frauen Unterwerfung beim Sex als abstoßend empfinden, und viele Männer sich auch gerne dominieren lassen
4: Vgl.: http://www.vice.com/de/read/gestaendnisse-eines-ehemaligen-pickup-artists-000
5: Es fällt auf, wie tiefenpsychologisch manche Menschen argumentieren, wenn es ihnen gerade in den Kram passt.

Der Kampf ums Sagbare

(Der Artikel ist inzwischen im Migazin erschienen. http://www.migazin.de/2015/02/11/sprechtabus-der-kampf-ums-sagbare)

- Schleichende Enttabuisierung als rechte Strategie im Kampf ums nationale Erwachen

Rassistische Ideen und ihre Freunde gibt es schon lange. Was macht dann die Pegida-Demonstrationen so besonders? Es ist kaum anzunehmen, dass es heute viel mehr Rassistinnen und Rassisten gibt. Seit Jahren belegen die „Mitte-Studien“, bei denen rechtsextreme Einstellungen in Deutschland gemessen werden, fast durchgehend das Gleiche: Rund ein Viertel aller Deutschen glauben, dass Deutschland durch Ausländer in gefährlichem Maß überfremdet ist (1).
Der Unterschied ist der: In früheren Jahren traute sich nur ein relativ harter Kern, öffentlich seinen Rassismus zu zeigen. Sagbar war offener Rassismus nur in Räumen Abseits vom Mainstream. Heute scheint, nicht nur in Dresden, der Rassismus fast offen in der Mitte angekommen zu sein. Das Wort „fast“ muss dabei betont werden, denn immer noch müssen sie um den heißen Brei herumreden, können sich zum Teil selbst nicht einmal das Offensichtliche eingestehen: Dass sie Rassisten sind. Sie erklären die Welt wesentlich über eine „Rassenbrille“, nur dass sie es nicht „Rasse“, sondern „Kultur“ nennen, dabei aber „Rasse“ meinen, denn „Kultur“ ist in diesem Verständnis etwas Homogenes und Unveränderliches (was beides selbstverständlich völlig falsch ist). Nur in Witzen und in subkulturellen Räumen können sie eine klare Sprache sprechen.
Wer sich der Mitte zugehörig fühlt, der wird immer noch durch ein starkes Sprechtabu dazu genötigt, um den Brei herumzusprechen und zu denken. So gesehen sind diese Tabus ein wichtiges Hindernis für das nationale Erwachen der gesellschaftlichen Mitte.
Darum ist es eine wichtige und schlaue Strategie der Rechten, Pfade unter und um diese Hindernisse herum zu bauen, indem man zwar nicht von Rasse spricht, aber von Kulturen, indem man sagt und immer wieder betont, man sei ja kein Rassist, um dann dennoch eine lupenrein rassistische Argumentation durchzuführen. So wird dann eine rassistische Logik konstruiert, von der aus das jeweilige Tabu quasi „von Hinten“ langsam aber sicher als inhaltsleer und ideologisch angegriffen wird.
Ein Avantgardist dieser Methode des Untergrabens solcher Tabus ist Thilo Sarazzin. Der spricht zwar nicht von Rassen und Herrenrassen, sondern erzählt nur von dummen Arabern, verschlagenen Albanern, schlauen Asiaten und aufrichtigen Deutschen. Er essentialisiert damit bestimmte Ethnien und geht sogar so weit, von „Juden- und Arabergenen“ zu sprechen, was schon einen frontaler Angriff auf das Rassismustabu bedeutet. Gleichzeitig betont Sarazzin wie selbstverständlich, dass er kein Rassist sei. Selbstverständlich ist das, da er sonst aus dem Raum der bürgerlichen Mitte ausgestoßen werden würde. Zudem nutzt er damit den Vorteil der „Glitschigkeit“, d.h. Angriffe laufen ins Leere, denn wo kein Rassismus draufsteht, da ist auch keiner drin, so die Schutzargumentation dieser Rassisten im Kulturalistenpelz. Im nächsten Atemzug teilt er dann die Zuwanderungsgruppen in Intelligente und weniger Intelligente, Faule und Fleißige ein. Ganz Unten stehen die Dunkelhäutigen, ganz oben die Asiaten, die gerade darum eine besondere Bedrohung darstellen. Er spricht zwar nicht von Menschenzüchtung, dafür aber von sich (das Wort „rattenhaft“ drängt sich unvermeidlich auf) vermehrenden, dummen Kopftuchmädchen und intelligenten Deutschen, die leider zu wenig Kinder bekommen, was wiederum den „Volkstod“ bedeute. Dabei spricht er selbstverständlich das Wort „Volkstod“ nicht aus, denn dies ist mit einem Tabu belegt. Dafür spricht er davon, dass Deutschland sich abschaffe. Es fällt auf, wie krumm seine Zahlen und verdreht seine Theorien sind, die er für seine Argumentation heranführt. Aber das macht nichts, denn ihre eigentliche Funktion der schleichenden Enttabuisierung rassistischer Aussagen erfüllen sie. Er umschreibt, findet neue Begriffe, gräbt Wege unter und um die Tabubegriffe herum und erweitert damit das was sagbar ist. Vielleicht (oder wahrscheinlich) ist Sarazzin ein ganz abgebrühter Fuchs, der fürs Geld dieses Feuer legt, das Menschen tötet. Es ist auch möglich, dass er sich all dessen gar nicht voll bewusst ist. Zumindest lässt sich annehmen, dass vielen aus der „rechten Mitte“ ihr Rassismus so nicht bewusst ist. Es ist schwierig, ohne ein ordentliches Nazivokabular an solchen Denktabus vorbeizudenken. Deshalb arbeiten die konsequenten Rassisten eben an einer Ausweitung des Sagbaren und der Räume, in denen es sagbar ist. Und je mehr sagbar ist, desto mehr ist auch für sie denkbar, das ist das Bedrohliche an dieser Entwicklung.
Das ist das Gute an diesen Sprechtabus; Leuten, die sich weigern ernsthaft zu denken, im Sinne eines inneren Zwiegesprächs, werden mechanisch Hemmungen antrainiert. Auch wird ihnen der Raum genommen, in dem sie ihre Ideen offen verbreiten können. Das Problem ist nur, dass eine Vorstellung falsch ist, wird nicht verstanden, sondern es wird mechanisch eingeübt. Ideen und Denkkonzepte werden dadurch nur verdrängt, sie werden quasi betäubt und für den öffentlichen Raum schlafengelegt. Aber verborgen von dieser Öffentlichkeit arbeiten sie weiter, passen sich an, suchen neue Wege ans Licht. Das lässt sich am Beispiel des Antisemitismus besonders gut zeigen, der in Deutschland besonders stark tabuisiert ist: Man darf nicht gegen Juden sein. Und so zeigen die Mitte Studien auch, dass der offene (primäre) Antisemitismus „nur“ bei ca. elf Prozent liegt, deutlich niedriger als die Ausländerfeindlichkeit. Auf ca. ein Viertel kommt man aber wieder, misst man verschleierte Formen des Antisemitismus dazu: Wenn beispielsweise die einen und die anderen meinen, sie hätten „zwar nichts gegen Juden, aber“ es würde ja schon den Tatsachen entsprechen, dass die Regierung der USA durch „die jüdische Finanzlobby“ gelenkt würde. Die USA lenke wiederum hinter den Kulissen die Geschicke der Welt, wie man von diesen „Erwachten“ erfährt. Auch beliebt ist, wenn aus einer fundierten Kritik an Israels teils rassistischer und chauvinistischer Politik ein von Israel betriebener Holocaust gemacht wird. Die dabei auftretende, schon realsatirisch anmutende, völlige Verweigerung auch nur der einfachsten Regeln sinnvoller Argumentation lässt darauf schließen, dass hier der Wunsch der Vater der Wahrnehmung ist.
Pegida und NSU könnten Vorboten eines neuen nationalen Erwachen sein. Es ist fraglich, welche Strategien im Kampf gegen dieses Erwachen erfolgreich sind. Verstandene Zusammenhänge sind besser als Tabus, weil Menschen nicht mehr zurück können, haben sie erst einmal verstanden, dass es so etwas wie „Nationen“ im Sinne einer homogenen Gruppe nicht gibt. Auch unter Türkischstämmigen gibt es Rechte und Linke, Progressive und Konservative, Aggressive und Passive gibt, Religiöse und Atheisten. Nationale Kategorien erklären die Welt weniger, als dass sie sie erstens nach ihrem Bilde formen, und zweitens ähnlich einer optischen Täuschung zu einer verzerrten Wahrnehmung führen. Aber was ist mit denen, die nicht zweifeln, also nicht denken wollen, und damit unbeeindruckt bleiben, von Argumenten? Denen müssen die Räume des Sagbaren eng gemacht werden. Linke sollten sich dabei weniger vom Totschlagargument „Zensur“ beeindrucken lassen. Meinungsfreiheit heißt, dass Menschen für ihre Meinung nicht vom Staat verfolgt werden können. Leute vorzuwerfen, dumm und schlecht zu sein, weil sie dumme und menschenfeindliche Konzepte wie Intelligenzzüchtung und sich vermehrende Kopftuchmädchen verbreiten, gehört nicht dazu.

1: Vgl.: Mitte Studie Leipzig (2014): 32

Der Weltspiegel als Zerrspiegel

Es gibt in Deutschland nicht viele Sendungen wie den „Weltspiegel“. Und darum haben sie eine besondere Verantwortung. Sie sind Fenster zur Welt. Gerade weil mit Fernsehbildern eine Illusion der Objektivität erzeugt wird, muss sorgfältig geprüft werden, ob die Darstellungsweise nicht ein verzerrtes Bild erzeugt. Leider bewegt sich der Weltspiegel auf dem Niveau eines durchschnittlichen Stammtisches:
An Stammtischen neigt man dazu über „die Chinesen“ (oder „die Amerikaner“ oder „die Araber“) zu reden als wären „sie“ aus einem Guss. Sarrazin würde von einem „Chinesengen“ (oder Araber- oder Amerikanergen) sprechen. An Stammtischen neigt man auch dazu, sich verrücktes Allerlei über „sie“ zu erzählen, und dabei einen „Anderen“ zu erzeugen, der dadurch anders ist, dass er grundsätzlich anders ist als „wir“. Geht es um China erzählt der Weltspiegel beispielsweise gerne die Geschichte des blind gehorsamen und unfassbar strebsamen Chinesen. Dabei gibt es in China hunderte und tausende von Demonstrationen jedes Jahr, und dabei ist es nur eine Elite, die wirklich überhaupt erst die Chance hat, unfassbar strebsam zu sein. Neulich wurde vom Weltspiegel lustig über eine schwedische Eigenart berichtet: Der Schwede mag nämlich unfassbar stinkigen Fisch. Die Woche davor wurde über Japaner berichtet, die ihre Kuscheltiere per Reisebüro auf Reisen schickt. Das kann ja recht witzig sein, und es ist auch möglich, dass es so etwas nur in Japan gibt. Selbstverständlich gibt es innerhalb einer bestimmten „Kultur“ Eigenheiten. „Die Deutschen“ haben beispielsweise ein spezielles Verhältnis zu Krieg und zu Führungsfiguren, das lässt sich nicht leugnen. Allerdings sind Kulturen etwas sehr unhomogenes. Und so wie es auch in Deutschland genügend Leute gibt, die einen starken Mann und eine schlagende Armee verlangen, so gibt es auch in Schweden ganz viele, die Stinkefisch nicht mögen, und – man kann darauf wetten – es findet sicher die Mehrheit der Japaner reisende Kuscheltiere albern.
Allerdings ist es völlig normal, so zu denken: Man fasst einen Haufen unterschiedlicher Menschen mit einem Begriff zusammen, man baut sich quasi eine Schublade, eine für Chinesen, eine für Araber, eine für Schweden, und dann klebt man kleine Zettelchen darauf, mit Eigenschaften des Inhalts dieser Schubladen. Das „Wir“ und das „die Anderen“ brauchen einander. Sendungen über das Ausland sind ja per Definition darauf ausgerichtet, nicht das Gleiche, sondern „das Andere“ zu zeigen. Darum betont man Unterschiede und Gegensätze (und betont nebenbei auch das „Wir“). Man sucht und betont das, was unverwechselbar anders ist, als bei „uns“. Dass „die Anderen“ stinkende, eklige Fische essen, zum Beispiel. Aber vielleicht sollte man dem auch nicht zu viel Wert beimessen. Das ist alles so normal, dass es nur hin und wieder in akademischen Texten Kritik erfährt, wie beispielsweise bei Sylvia Breckl in ihrer Arbeit über „Auslandsberichterstattung im deutschen Fernsehen“. Es ist ja auch nicht jede einzelne Sendung des Weltspiegels so, und es ist auch alles ganz leicht und lustig, wenn es nur um Kuscheltiere und Stinkefische geht. Aber wenn es beispielsweise um ein Romadorf in Rumänien geht, werden auf diese Weise völlig unkommentiert und unvermittelt die schlimmsten Vorurteile über Roma bestätigt, indem man diejenigen interviewt, die auffallen, indem sie lautstark vermelden, nach Deutschland zu wollen um trickreich von Sozialhilfe zu leben. Die grinsend verkünden, man wolle die gesamte Familie nachholen, und Kinder würden ja übrigens auch in Massen nachgeboren. Der Bürgermeister des Dorfes wird gezeigt, wie er aus seinem Mercedes aussteigt und in die Kamera brüllt. Und das in einem Klima von immer schärfer werdenden Ressentiments gegenüber Sinti und Roma. Wo – nach einer Leipziger Studie von 2014 – jeder zweite Deutsche meint, Sinti und Roma neigten zum Stehlen. Und das in Deutschland, dem Land wo noch vor einigen Jahren bis zu einer halben Million Sinti und Roma vergast wurden. Unterschlagen werden wichtige Kontextinformationen, beispielsweise dass die meisten Sinti und Roma in Deutschland gar nicht als solche zu erkennen sind (wer weiß schon, dass Marianne Rosenberg eine Angehörige der Sinti ist?), und dass der Großteil eine reguläre Arbeit hat. Unterschlagen wird auch, dass die beliebte These einer Überschwemmung durch Sinti und Roma selbst laut „Bildzeitung“ falsch ist – 2011 gab es einen „Netto“-Zuzug von knapp 60000 Personen aus Rumänien und Bulgarien, von denen wiederum nur ein Teil Sinti und Roma sind. Auch unterschlagen wird die Tatsache, dass das Problem nicht Sinti und Roma sondern Armut heißt. Stattdessen werden nur die Maulhelden interviewt, und immer wieder betont, wie viele noch nachkommen werden, und wie sie es sich gutgehen lassen wollen, im schönen Deutschland. Sicher steckt von den Machern keine böse Absicht dahinter. Stattdessen wird ganz nüchtern so getan, als stelle man die Realität wie sie ist, dar, und nicht einen selektiven Teilaspekt, der das Ganze völlig verzerrt. Die Facebookseite des Weltspiegels wurde gleich nach Ausstrahlung des Berichts überschwemmt mit rassistischen und antiziganistischen Kommentaren. Die Betreiber des Weltspiegels erklärten daraufhin ihre Bestürzung über diese Kommentare und beschworen die Menschenrechte und wunderten sich sehr über diese Reaktionen.
Aber auch das ist normal. Es ist normal, Deutsche in viele Unterkategorien einzuteilen: Sie sind laut, leise, ein Bauarbeiter, ein Proll, eine Schickse, ein Schnösel. Andere „Völker“ werden im Singular erfasst, was deren Heterogenität unterschlägt. Wenn für Schweden oder Roma nur jeweils eine Kategorie, eine Schublade zur Verfügung stehen, dann sind sie eben so wie sie sind, weil sie Schweden oder Roma sind.
Gut bezahlte und gut ausgebildete Journalist*innen sollten es besser wissen. Zwar sollten sie selbstverständlich reale Vorgänge beschreiben, auch welche, die möglicherweise speziell für eine „Kultur“ oder eine Region sind. Aber sie sollten auch wissen, dass „Kultur“ nichts Gegenständliches ist, wie ein Apfel oder ein Stuhl, sondern etwas prozesshaftes, widersprüchliches, etwas, das sich innerhalb einer bestimmten Bevölkerung völlig unterschiedlich verteilt und ausprägt. Reiche haben eine andere Kultur als Arme, Städter eine andere Kultur als Landeier. Gute Journalist*innen sollten wissen, dass die Unterschiede innerhalb der „Völker“ in der Regel größer sind, als die zwischen den „Völkern“. Sie sollten sich dessen bewusst sein, dass früher in Berichten über ferne afrikanische Länder deren Barbarei und Minderwertigkeit belegt wurde, indem man allzu freizügige, halbnackte Wilde zeigte, während heute Barbarei oft im Gegenteil erkannt wird, in restriktiven Gesetzen gegen Miniröcke und außerehelichen Sex. Selbstverständlich sind solche Gesetze barbarisch, und sie sollten auch angeprangert werden. Aber dazu muss man das Stammtischniveau verlassen, und aufzeigen, dass auch dort viele Menschen – auch Männer – gegen solche Gesetze kämpfen. Man muss also vermeiden, die jeweiligen „Völker“ als homogene Gruppen zu konstruieren. Man muss wichtige Kontextinformationen mitbedenken und bereitstellen, und es muss vermieden werden, einen barbarischen Anderen im Gegensatz zum aufgeklärten Westler zu konstruieren. Und man könnte auch ganz einfach vermeiden, so zu tun, als würden alle Schweden Stinkefisch mögen.

Mahnwachenkritik zwischen Kuscheln und Bashen

Der öffentliche Streit um die Montagsmahnwachen tobt derzeit so hart, dass er Facebookfreundschaften zerstört. Und es wird zu Recht gestritten: Die Wikipedia-Artikel zu strukturellem und sekundärem Antisemitismus sollten mit einem Bild des unter Mahnwachlern beliebten Dauerredners Ken Jebsen illustriert werden. Redner Andreas Popp, der ebenfalls standfest verteidigt wird, verbreitet das Bild eines biologisch gewachsenen Volkes, das verzweifelt ums Überleben kämpft, und Elsässer, der allerdings inzwischen als Sprecher ausgeschlossen wurde, vertritt rassistische und heterosexistische Ansichten. Das eigentliche Problem sind aber nicht die Redner, sondern die Zähigkeit, mit der sie auf Internetforen und auf der Straße verteidigt werden – Nicht die Einzelnen, die gefährlichen Unsinn reden, sondern die Vielen, die folgen.
Allerdings löste in Berlin auch eine Solidaritätsbekundung mit Flüchtlingen begeisterten Jubel aus, es werden hippieeske Friedenslieder gesungen, und man hat sich offiziell gegen die AfD positioniert. Das widerspricht wiederum der Einschätzung, die Montagsmahnwachen seien insgesamt rechts oder rechtsextrem.
Wie lässt sich diese widersprüchliche Koexistenz erklären, die unter den Mahnwachlern gar nicht wirklich aufzufallen scheint?
Die Montagsmahnwachen scheinen für viele ein Ort erster Politisierung zu sein. Selbst Hauptorganisator Lars Mährholz meint, er befasse sich erst seit einigen Monaten mit Politik. Sich zu politisieren bedeutet auch, Aussagen über Kausalzusammenhänge und Lösungsansätze explizit zu formulieren, die vorher nur intuitiv erfasst wurden. Erst wenn diese expliziten Aussagen erfolgt sind, ist es überhaupt möglich, Widersprüche zu erfassen, und den bisherigen Ansichten eine Kritik zu unterziehen, um anschließend eine widerspruchsärmere Perspektive zu gewinnen. Das ist ein stinknormaler Prozess. Auch der Autor dieses Textes glaubte zu Beginn seiner politischen Sozialisierung an eine umfassende Weltverschwörung und verglich Israels Politik mit dem Holocaust. Das hat sich geändert. Solche Entwicklungen sind kein Einzelfall.
Wenn die Mahnwachen für viele ein Ort erster Politisierung sind, dann ist es entscheidend, mit welchen Informationen sie an diesem Ort konfrontiert werden. Ein großer Teil der Linken beschränkt sich derzeit auf „Mahnwachenbashing“. Mit Hohn und Aggression hagelt es Abwertungen und Vorwürfe. Generell ist das keine Strategie, die dazu verhilft, sich für die Perspektive des Gegenübers zu öffnen. Es ist so gesehen die Frage, was man mit dieser Art von Kritik bezwecken will. Hier soll aber nicht das Gegenstück des Bashings, das „Mahnwachenkuschling“, wie man es nennen könnte, propagiert werden. Wie erwähnt gehen viele der Ansätze tatsächlich in den Rechtsextremismus über. Man bereitet damit einer Querfrontstrategie den Boden, indem durch keine oder zu milde Kritik rechtsextreme Denkweisen salonfähig macht. Das ist besonders problematisch, glaubt man der These einer ersten Politisierung, weil hier beginnende Pfade eingetreten werden.
Zu Recht wird den Mahnwachlern mangelnde Reflexion vorgeworfen. Viel zu oft sind Konzeptionen wie sekundärer Antisemitismus oder eine Kritik des Volksbegriffs unbekannt und rufen nur Stirnrunzeln hervor. Aber auch die Haltung vieler Mahnwachenbasher sollte reflektiert werden. Angesichts der höhnischen Freude, mit der – oft im akademischen Duktus – die Mahnwachler niederargumentiert werden, drängt sich die Frage auf, ob diese Freude ihren Ursprung nicht in einem Distinktionsgewinn gegenüber dieser unreflektierten und „ungebildeten Masse“ hat. Man zeigt, wie belesen und reflektiert man ist, indem man mit dem Finger auf die „Mahnwachenkretins“ zeigt. Man zeigt, dass man etwas Besseres ist und genießt es. Das ist besonders widersprüchlich, da eine linke Prämisse ist oder sein sollte, dass die jeweilige Klassenposition Wahrnehmung, Einstellungen, Werte und Geschmack mitbestimmt. Das heißt nicht, dass damit alle Eigenverantwortung verschwindet, sondern dass diese Eigenverantwortung nur innerhalb eines bestimmten Rahmens existiert. Angesichts dessen ist sowohl das Mahnwachenkuschling wie das Mahnwachenbashing ein Fehler. Vielmehr sollte sachlich und nachvollziehbar kritisiert werden.